• Kate S. Stark

Ein Spaziergang in die Vergangenheit


Es ist fast ein Jahr her, dass ich den großen Schritt gewagt und mein erstes Buch veröffentlicht habe. Seit fast einem Jahr liegt der erste Grundstein, um meinen Traum vom Autorenleben zu verwirklichen.

Und trotzdem habe ich das Gefühl, nicht voran zu kommen. Festzustecken, in zu viele Sackgassen abgebogen zu sein, während so viele meiner lieben Kolleginnen und Kollegen auf der Überholspur sind. Ein Verlagsvertrag jagt den nächsten, stolz präsentieren sie ihre Bestseller.

Und ich?

Ich kann nachts kaum schlafen, weil ich in einem endlosen Kreislauf aus Geldsorgen, Zukunftsängsten und Selbstzweifeln gefangen bin. In meinen Videos und Social Media Posts mag man mir das nicht immer anmerken, im Gegenteil, fast täglich bekomme ich von meinen wunderbaren Zuschauern und Followern Nachrichten, dass ich doch so positiv wäre und mich glücklich schätzen könnte, dieses Leben zu führen. Und ich freue mich so unendlich, dass euch meine Videos motivieren, selbst eure Träume zu verfolgen. Ich bin dankbar für jeden einzelnen von euch, denn die Wahrheit ist: Ohne euch hätte ich das hier, diesen Kanal und vielleicht sogar das Schreiben längst an den Nagel gehängt.



Was für manche wie das perfekte Leben aussieht, für andere wie ein weit entfernter Traum, ist alles andere als leicht. Niemand hat mich hierauf vorbereitet, auf all die Steine, die auf dem Weg vor mir liegen. Steine, die ich selbst dorthin gelegt habe, oder die andere dort platziert haben. Und gerade die letzten Wochen waren alles andere als leicht, als wäre die gesamte Welt gegen mich.

Und das perfekte Leben?

Das habe ich bisher viel zu wenig genossen, weil ich einem Traum hinterhergejagt bin, der nicht mein eigener war. Ein Traum, der sich in den letzten Monaten mehr und mehr zu einem Albtraum entwickelt hat. Aus dem ich endlich aufwachen will, um mich an das zu erinnern, was ich in den letzten Jahren vergessen habe: Das, was mir das Schreiben eigentlich bedeutet, warum ich von der Großstadt unbedingt zurück in meine Heimat ziehen wollte. Das, was wirklich zählt im Leben, zumindest für mich.

Deswegen machen wir heute einen Spaziergang in die Vergangenheit, dorthin, wo alles begonnen hat und meine Vorstellungskraft, die mittlerweile ganze Welten geboren hat, zum ersten Mal erwacht und erblüht ist.

Viel zu selten habe ich im letzten Jahr meine Wohnung verlassen und die Natur um mich herum genossen und das, obwohl sie direkt vor meiner Haustür liegt. Zu groß war mein schlechtes Gewissen, wertvolle Zeit zu vergeuden. Zeit, die ich dann doch nicht genutzt habe, nicht richtig zumindest.

Heute nehme ich mir diese Zeit und genieße die kalte Herbstluft auf meiner Haut und in meinen Lungen, die die Sommerhitze endlich abgelöst hat. Wie von allein finden meine Füße den Weg durch den Garten, die Straße hinunter und dorthin, wo ich als Kind täglich für mehrere Stunden verschwunden bin.

In den Wald.

Während ich heute dem alten, laubbedeckten Pfad in dieser Klinge folge, komme ich mir vor wie eine Fremde, auch wenn unendlich viele Erinnerungen auf mich einprasseln.

Seit ich denken kann, habe ich zwischen den alten Eichen, Kiefern und Buchen, unter den Haselnusssträuchern und umgefallenen Bäumen gespielt. Stundenlang, bis es um mich herum dunkel wurde. Für mich war das ganz natürlich, fast so wie Atmen.


Jetzt blicke ich mir ständig über die Schulter, frage mich, was meine Nachbarn wohl von mir denken, wenn sie mich hier unten mit Stativ, Kamera und Notizbuch hantieren sehen. Viel zu oft mache ich mir Sorgen darüber, was andere über mich denken. Über meine Bücher, meine Videos, meine Meinung, mein Aussehen. Meine Vorstellungen von der Zukunft.


Als Kind war mir das egal. Da wollte ich hier unten in dieser verlassenen Schlucht bloß Abenteuer erleben und Hütten bauen. Eine ist sogar noch halbwegs erkennbar und hat die vielen Stürme, die seit meiner Kindheit über unser Tal hinweggezogen sind, überdauert.


Doch je tiefer ich in den Wald gehe, bis der Weg kaum noch erkennbar ist, umso mehr spüre ich wieder diese alte, kindliche Freude, die ich damals beim Spielen empfunden habe. Die mir damals schon die Ideen zu den wildesten Geschichten in den Kopf gepflanzt hat, bis ich irgendwann begonnen habe, sie aufzuschreiben. Und eine neuen Leidenschaft neben den Abenteuern im Wald entdeckt habe.


Hier auf eben diesem umgefallenen Baum habe ich stundenlang gesessen und mir vorgestellt, wie es wohl wäre, auf einem Piratenschiff um die Welt zu segeln. Oder als furchtlose Prinzessin gegen gefährliche Monster zu kämpfen. Was ich tun würde, wenn ich auf einer einsamen Insel gestrandet, oder plötzlich entdecken würde, dass ich magische Kräfte hätte.

Dieses Gefühl, diese Neugier und Abenteuerlust ist mir mehr und mehr verloren gegangen, weil ich zu sehr versucht habe, mich zu verbiegen, den Erwartungen gerecht zu werden und mich vor allen Menschen zu beweisen. Zu zeigen, dass ich auch etwas kann, etwas das über das Träumen unter dem dichten grünen Blätterdach hinausgeht. Etwas Sinnvolles, wie man es als kreativer Mensch so oft zu hören bekommt.

Und so wurden aus Zielen wie, die Welt umsegeln, ein Jahr auf einer einsamen Insel leben oder nach Atlantis suchen: Verlagsverträge bekommen, Bücher veröffentlichen, Platz 1 der Bestsellerliste erreichen. Geld verdienen. Beweisen, dass ich mit dem Kopf nicht nur in den Wolken bin, sondern auch mit beiden Beinen auf dem Boden.


Die traurige Wahrheit ist aber, dass ich damals, als all das noch Fremdbegriffe für mich waren, einen besseren Stand hatte, als heute. Dass ich damals geerdeter und glücklicher war als heute. Dieser Spaziergang in die Wildnis direkt vor meiner Haustür hat mich daran erinnert, aber es werden noch viele folgen müssen, bevor sich dieses alte Glücksgefühl in meinem neuen Leben einstellt.



Fürs erste heißt es, Abschied nehmen, von diesem magischen Ort, an dem ich auch heute noch erwarte, dass gleich eine Fee unter den Ästen hervorspitzt oder hinter der nächsten Biegung ein altes Hexenhaus auftaucht. Aber es ist kein Abschied für immer, im Gegenteil. Die Stunde, die ich auf meinem Baumstamm in der Kälte verbracht habe, hat ausgereicht, um meine Abenteuerlust in mir wiederzuerwecken. Noch komme ich mir komisch vor, wie ich durch die Wälder schleiche und meine Eindrücke in Wort und Bild festhalte. Eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft geht mir genau das, dieses Leben zwischen blühender Fantasie und harter Realität, in Fleisch und Blut über, bis ich wieder genauso furchtlos, leidenschaftlich und glücklich bin wie damals als Kind.


Und an diesen Gedanken halte ich fest, als ich zurückkehre in meine Wohnung, mein Leben, die Gegenwart.

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Über Kate Stark

Schreibt Bücher und macht YouTube-Videos über ihr Autorenleben.
Liebt Social Media, Fantasy, Notizbücher und Schokolade.