LESEPROBE WAYWARD WITCHES

Prolog

 

Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, vor allem an die Zeit vor meinem vierten Geburtstag, sticht nur eine einzige Erinnerung hervor.

Feuer.

Glühend heiße Flammen, die in meinen Augen brennen und alles um sie herum zerstören. Mein Zuhause, meine Familie, vielleicht sogar mich. Noch heute spüre ich die Hitze auf meiner Haut, kann das Leuchten hinter geschlossenen Augenlidern sehen.

Knackend und kreischend breitet sich das Feuer aus wie eine Krankheit. Es frisst sich in Holz und Stein, in Haut und Haar. Ich höre Wasser zischen. Das Blut seiner Opfer.

Das Atmen fällt mir schwer. Asche dringt mir in den Mund und legt sich auf meine Haare. Rauch erfüllt meine Lungen, während mir der beißende Gestank nach Tod und Zerstörung in die Nase steigt. Ich weiß, dass ich Angst haben sollte, aber da ist nichts. Nicht mehr.

Ich höre die Schreie der Lebenden, gefangen in den Flammen, aber noch lauter ist das Schweigen der Toten.

Und dann falle ich, tiefer und tiefer hinab in eine endlose Dunkelheit, kälter als Eis, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Ich weiß, dass das alles nur ein Traum gewesen ist, aber es lässt mich einfach nicht mehr los.

Es ist ihre Stille, die mich in meinen Alpträumen heimsucht. Nicht das Feuer oder die Schreie der Sterbenden. Es ist das Schweigen der Toten, das ich seitdem tief in mir verspüre.

Kapitel 1

 

Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee und getoastetem Brot vertreibt die Erinnerung an meinen Alptraum, als ich mich auf den Weg zur Küche mache. Schon vom zweiten Stockwerk aus höre ich geschäftiges Treiben hinter der weißen Tür mit der aufgemalten Teekanne. Geschirr klirrt, jemand donnert Besteck in die Schublade und meine Mutter summt leise vor sich hin, während sie das Frühstück zubereitet. Als ich die Tür aufstoße, ertönt ein schriller Schrei, der mich mitten in der Bewegung innehalten lässt. Sofort sind die Erinnerungen an meinen Alptraum, den einzigen, den ich jemals hatte, zurück.

»Mike, du kleiner Rotzlöffel!«, ruft meine Mutter und sofort entspanne ich mich wieder. Ein bisschen Familiendrama am Morgen wirkt bei mir wahre Wunder. Das hier, die Standpauke, die Mum Mike hält, ist für mich wie Balsam auf der Seele. Genau das, was ich nach einer solchen Nacht gebrauchen kann. Es ist einfach so normal, so nebensächlich, dass dieses endlose Schweigen in mir langsam verblasst und sich wieder mit Leben füllt.

»Was hast du denn nun schon wieder angestellt?«, frage ich meinen kleinen Bruder und wuschele ihm durch die rotblonden Haare, die ihm ständig ins Gesicht hängen. Mum sagt, dass Mike wohl damit verbergen will, wenn er wieder einen seiner Streiche ausheckt.

»Ach, die Pancakes werden heute einfach sehr salzig schmecken«, meint er mit einer Unschuldsmiene, die jeden anderen hätte glauben lassen, er wäre das bravste Kind, das je geboren worden ist. Aber Mike hat es faustdick hinter den Ohren.

»Nimm dir lieber gleich zwei Tassen, Isa«, fügt er hinzu und hält mir einige sehr angeschlagene Exemplare hin, die er gerade aus dem Geschirrspüler geholt hat.

»Na, toll, vielen Dank auch, Kleiner«, entgegne ich und fahre ihm wieder durchs Haar, nur um ihn zu ärgern. Während Mike dazu geboren ist, anderen Streiche zu spielen, die mitunter ziemlich fies enden, ist es meine Aufgabe als seine große und einzige Schwester, ihn ein bisschen leiden zu lassen. Sozusagen als Entschädigung für all diejenigen, die ihm zum Opfer gefallen sind. Besonders Mum, die aber auch wirklich leicht zu ärgern ist, vor allem wenn sie nach einem Kundenbesuch wieder völlig zerstreut ist.

»Langsam solltest du doch daran gewöhnt sein, dass er das macht, Gloria-Schatz«, meldet sich mein Vater vom Küchentisch zu Wort, ohne den Blick von seinem Buch zu heben. Lucas, mein älterer Bruder, sitzt neben ihm und wirkt dabei wie eine jüngere Version von Dad. Beide beugen sich, die Brillen bis auf die Nasenspitze vorgezogen, über dicke Wälzer und halten ihre Kaffeetassen in der einen Hand. Mit der anderen machen sie sich geschäftig Notizen, ohne je den Blick von den ach so spannenden Zeilen zu heben. Eigentlich habe ich gehofft, etwas mehr Zeit mit Lucas zu verbringen. Seit er zusammen mit Dad für das Institut arbeitet, bekomme ich meinen großen Bruder kaum mehr zu Gesicht. Ich vermisse die alten Zeiten, aber selbst einen Tag vor meinem Geburtstag können die beiden nicht ihre Finger von den Büchern lassen.

Ich reiße Mike eine der Tassen aus der Hand und schenke mir Kaffee ein, ehe ich mich zu Dad und Lucas an unseren Küchentisch setze und versuche, mitzulesen. Aber sowohl Lucas als auch Dad ziehen ihre Bücher weiter von mir weg und schütteln den Kopf. Immer noch fest auf ihren Lesestoff konzentriert.

»Nichts für dich, Isa. Eine Grundsatzdebatte über Geistererscheinungen und paranormale Phänomene ist nicht für die morgendliche Konversation geeignet«, sagt Dad und rückt sich mit dem Stift in der Hand die Brille zurecht. Ich an seiner Stelle hätte mir vermutlich ins Gesicht gemalt, aber er hat in dieser Bewegung auch einiges mehr an Übung. Seit ich mich erinnern kann, finde ich ihn jeden Morgen so vor. Und seit Lucas die Schule beendet hat, hat auch ihn der Leseeifer gepackt. Frustriert zupfe ich am weißen Lack des Tischbeins herum, der an vielen Stellen schon abgeblättert ist.

»Wenn du das noch einmal machst, kannst du in Zukunft dein Frühstück selber herrichten«, ertönt die Stimme meiner Mutter, als ich gerade etwas erwidern will.

Nun blicken auch Lucas und Dad auf, um zu sehen, was in der anderen Ecke unserer gemütlichen Küche vor sich geht. Mike macht bei dieser Ansage große Augen und lässt schließlich entschuldigend den Kopf hängen.

»Kommt nie wieder vor.«

Wir alle wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er uns den nächsten Streich spielt. Und er ist wirklich verdammt clever. Liegt vermutlich auch daran, dass er vom Meister persönlich gelernt hat. Mein Blick fällt auf Lucas, der gerade wieder etwas in seinem Notizbuch festhält. Die letzten beiden Jahre seit seinem Schulabschluss hat er sich so verändert, dass ich ihn kaum wiedererkenne.

»Isa, du bist wieder viel zu spät. Wir müssen gleich los«, tadelt mich meine Mutter, als sie mich endlich bemerkt und schüttelt den Kopf. Das ist so eine Sache bei ihr. Während die Mehrheit aller Frauen behaupten würde, gute Multitaskerinnen zu sein, kann sich meine Mum immer nur auf eine Sache konzentrieren. Wenn überhaupt … Sie ist ziemlich zerstreut und kann einen Satz mit dem Wetter beginnen und ihn mit einem Gerücht aus den feineren Kreisen Londons beenden.

»Das ist der Preis, den ich für die Zukunft zahle«, sagt sie dann immer und seufzt traurig. Meistens fällt ihr Blick dann auf die vielen Kristallkugeln, Tarotkarten oder Spiegel, die überall im ganzen Haus verteilt liegen. Die Hilfsmittel ihrer Arbeit.

»Was machst du denn immer, dass du so lange brauchst?« Mum fährt sich durch die rotblonden Locken, die sie ganz klar Mike vererbt hat, und mustert mich von Kopf bis Fuß. »Und was du wieder anhast, Isa! Kannst du dich für unsere Kunden nicht etwas passender kleiden?«

Ich verdrehe die Augen und wende mich wieder meinem Kaffee zu. Um cool zu wirken, hätte ich jetzt behaupten können, er wäre schwarz wie meine Seele, aber für mich gehört zu einem guten Kaffee ein ordentlicher Schuss Milch samt Zucker.

Mum findet meinen Kleidungsstil etwas zu gewagt. »Was sollen denn die Leute denken, Isa? Dass du eine Satanistin bist?«, ist so eine Frage, die sie mir immer wieder stellt, nur weil ich gerne dunkle Kleidung trage. Es ist einfach praktisch, sich auf eine so kleine Farbpalette bei meinen Klamotten zu beschränken. Schwarz, weiß, grau. Ich kann so ziemlich alles kombinieren, es kaschiert geschickt Problemzönchen und passt einfach am besten zu mir. Ich glaube, insgeheim ist Mum einfach nur ein bisschen enttäuscht, dass ich nicht wie die Barbiepuppenmädchen bin, die sie von ihren Kunden gewöhnt ist. Was Klamotten angeht, kommen wir drei Kinder wirklich nach Dad. Einfach, praktisch und haltbar müssen sie sein, und bequem wäre auch nicht schlecht.

»Hast du mich vorhin nicht gehört, Schatz? Du musst gleich los!«, sagt meine Mutter plötzlich so nah an meinem Ohr, dass ich zusammenzucke und mir den Kaffee über mein weißes T-Shirt kippe. Was für ein Glück, dass Mum den Kaffee immer schon aufsetzt, wenn es draußen noch stockdunkel ist. So ist er jetzt nur noch lauwarm, vermutlich auch wegen all der Milch darin. Verbrennungen sind nach meinem Alptraum wirklich das letzte, was ich brauchen kann.

»Toll, danke, Mum. Das war mein Frühstück«, murre ich und schiebe den Stuhl zurück. Ich wette, das hat sie mit Absicht gemacht, damit ich mir etwas Passenderes anziehe. So kann ich jedenfalls nicht das Haus verlassen.

»Gern geschehen, Schatz«, erwidert sie zuckersüß und wendet sich wieder dem Geschirrspüler zu, den Mike nur zur Hälfte ausgeräumt hat.

»Wo ist denn dieser Flegel schon wieder hin? Isa, was machst du denn noch hier? Umziehen, sofort!« Und da ist sie wieder, die berühmt berüchtigte Wechselhaftigkeit meiner Mutter. Hat sie in der einen Sekunde noch verwirrt vor sich hin geflüstert, blafft sie gleich darauf schon wieder Befehle. Den ganzen Sommer geht das nun schon so. Isa hier, Isa da. Sie hat mich zu so ziemlich jeden Kundentermin in den letzten Wochen mitgeschleppt, bis mir langsam klar geworden ist, was sie vorhat. Sie will, dass ich in ihre Fußstapfen trete … Wenigstens einer muss das Familiengeschäft am Leben halten, richtig? Lucas hat seine paranormalen Wälzer und Mike seine Streiche, also muss ich herhalten, um Mum glücklich zu machen und etwas für die Haushaltskasse zu tun. Früher ist Mum nicht so zerstreut gewesen, aber je öfter sie für ihre Kunden in die Zukunft blickt, umso mehr scheint sie sich darin zu verlieren. Ich erinnere mich noch genau daran, als sie vor der versammelten Familie verkündet hat, dass sie ihre Aufträge auf ein Minimum zurückschrauben muss, um nicht ganz den Verstand zu verlieren. Normalerweise hätte Dads Gehalt als Professor ausreichen müssen, aber bei so einem alten Haus und drei Kindern, die die Privatschule besuchen, ist nicht mehr viel übriggeblieben. Ganz zu schweigen von Granny Sues Altersheim, das auch bezahlt werden muss. Auf die teure Schule zu verzichten, wäre die einfachste Lösung gewesen, aber da hat Dad nicht mit sich reden lassen.

»Ihr geht da weiter hin. Keine Widerrede! Das ist eine Investition in eure Zukunft«, hat er mit grimmiger Miene gesagt und seine Tasse so fest auf den Tisch geschlagen, dass der ohnehin schon rissige Henkel vollends abgebrochen ist. Und Mum hat danebengestanden und genickt, während Lucas und ich versucht haben, die beiden vom Gegenteil zu überzeugen.

»Wir schaffen das schon irgendwie. Nicht mehr lange und Lucas ist fertig. Und dann kann er uns im Institut unterstützen.« Noch heute sehe ich Lucas' Gesicht vor mir, als Dad seine Zukunftspläne für ihn verkündet hat. Die Augen weit aufgerissen, die Wangen mindestens drei Nuancen blasser als noch eine Minute zuvor. Das blanke Entsetzen.

»Und du kannst deiner Mum ein bisschen im Haushalt helfen, Isa.« Spätestens da muss ich wie Lucas ausgesehen haben. Hausarbeit ist nicht das Problem. Ich helfe Mum gerne, aber meistens hat sie mich sowieso nichts machen lassen. Dass ich ihr jetzt zur Hand gehen muss, hat damals meine Alarmglocken aufschrillen lassen. Es geht ihr schlechter, als die beiden uns wirklich erzählen wollen. Also haben Lucas und ich zu allem Ja und Amen gesagt. Er ist zum Institut gegangen, nachdem er die Schule abgeschlossen hat, und ich habe Mum ausgeholfen. Erst im Haushalt und später auch mit ihren Kunden, weil wir sonst die Heizung nicht hätten reparieren können. Und irgendwie bin ich danach aus der ganzen Wahrsager-Sache nicht mehr herausgekommen. Erst habe ich Mum nur begleitet und sie wieder sicher nach Hause gebracht, aber sie hat schon früh gemerkt, dass ich eine ähnliche Gabe wie sie entwickle. Nur mit wesentlich weniger Erinnerungsverlust und Zerstreuung.

Jetzt, wo es uns finanziell wieder besser geht, schließlich kann Lucas nun auf eigenen Beinen stehen, ist meine Chance gekommen, um auszusteigen, aber auch da lassen meine Eltern, ganz besonders Mum, nicht mit sich reden. Schon vor Monaten habe ich es aufgegeben, ihr zu erklären, dass ich mein Geld nicht wie sie mit Wahrsagerei verdienen möchte, sondern mit Geschichten. Das ist zwar auch nicht unbedingt praktisch, führt aber zu mehr, als den Reichen und Schönen von London die Zukunft vorherzusagen und ihnen immer dieselben Sachen zu erzählen, nur damit sie zufrieden sind und so weiterleben können wie bisher.

 

Um meine Mutter nicht noch mehr zur Weißglut zu treiben, sie wird ja auch nicht mehr jünger, stürze ich den restlichen Kaffee herunter und merke, wie ich allmählich aus dem Dämmerzustand erwache, der mich morgens immer befällt. So langsam bin ich funktionsbereit, aber wenn ich so an mir heruntersehe, keineswegs einsatzbereit für die nächste Runde Kartenlegen und Wahrsagen mit Londons Desperate Housewives. Also sprinte ich die Treppen hinauf in mein Zimmer, um mir zumindest ein frisches Shirt zu holen. Alles andere bleibt so wie es ist, auch wenn es Mum stört. Irgendwie muss ich mich ja von den Barbies absetzen, in deren Welt mich meine Mum in den letzten Monaten so oft mitgeschleppt hat. Außerdem passt eine schwarze Jeans samt allerhand Ringen und einem Spitzen-Choker doch viel besser zu einer Wahrsagerin als ein leichtes Sommerkleid und farblich passender Strickweste, oder?

Auf dem Weg nach unten werfe ich einen Blick in die vielen antiken Spiegel mit denen Mum unser schmales Treppenhaus dekoriert hat. Ich sehe aus wie immer. Lange kastanienbraune Haare, Smokey Eyes und ein knallroter Lippenstift, der die Blässe meiner Haut noch einmal besonders betont. Genau so wie ich es mag.

»Ach, du altes Schneewittchen! Warum kannst du nicht einmal auf deine arme Ma hören?«, fragt sie, kaum dass ich die unterste Treppenstufe und damit das Erdgeschoss erreiche. Mit den Händen in die Hüften gestemmt betrachtet sie den Plan und die vielen Zettel, die sie an der Treppenwand befestigt hat. Telefonnummern, Adressen und Namen sind darauf vermerkt. Hin und wieder finden sich dort auch Visitenkarten oder Abbildungen von Mums Kartenset. Das Herzstück bildet allerdings ein ziemlich billiger Fotokalender mit Waldmotiven, in den Mum unsere Termine einträgt. In letzter Zeit sind es immer mehr meine geworden und so auch heute, wie es aussieht.

»Hm, also … Wenn ich mir den Kalender so ansehe, musst du heute zu den Pemberleys. Ich habe im Keller noch eine ganze Horde Wäsche, die dein Bruder mitgebracht hat«, sagt sie mit einem Blick auf den Wandkalender.

»Soll ich nicht lieber die Wäsche waschen? Wir wollen doch nicht, dass Lucas mit Klamotten im Koffer abreist, die ihm drei Nummern zu klein sind«, necke ich Mum und hoffe, noch irgendwie aus dieser Pemberley-Session herauszukommen. Rosalie Pemberley gehört zu Mums besten Kunden und ich weiß nicht, ob ich wirklich bereit bin, für sie in die Zukunft zu blicken. Im Gegensatz zu Mum schaffe ich es einfach nicht, die Wahrheit der Karten so zu verdrehen, um Mrs. Pemberley und all die anderen Kunden zufrieden zu stellen. Wer hört schon gerne, dass die nähere Zukunft nicht so rosig aussieht?

»Netter Versuch, aber ich glaube, ich kann das heute nicht«, entgegnet Mum und gibt sich große Mühe, ihr Lächeln aufrecht zu erhalten. Ihre Mundwinkel zittern verdächtig stark.

»Alles okay?« Ich kann die Besorgnis nicht länger aus meiner Stimme heraushalten. Wir alle wissen, was mit jemandem aus unserer Familie passiert, wenn er ein bisschen zu weit in die Zukunft geblickt hat. Granny Sue ist das beste Beispiel dafür und sitzt seit einigen Jahren in einem Sanatorium an der Küste Cornwalls. Sie ist zwar auf dem Weg der Besserung, aber ich kann Mum nicht auch noch an die Zukunft verlieren.

»Natürlich, Schätzchen. Je mehr Aufträge du absolvierst, umso eher bekommen wir das wieder zum Laufen«, entgegnet Mum und nickt entschlossen.

Ich sauge tief die Luft ein und beiße mir in die Wange. Wie gerne würde ich jetzt etwas erwidern, ihr von meinem Studienplatz erzählen und aus ihrem kleinen Familiengeschäft aussteigen. Aber ich mache mir einfach zu große Sorgen um sie. Besser ich gehe, damit Mum sich erholen kann. Sobald ich aus dem Haus bin, haben sie einen Mund weniger zu füttern. Bloß gut, dass mein Stipendium nicht nur die Kosten der Bücher oder des Wohnheims abdeckt ...

Aber irgendwann wird der Moment kommen, in dem ich es ihnen sagen muss. Irgendwann muss ich ihnen von meinen eigenen Zukunftsplänen erzählen, die nichts mit Wahrsagen oder Dads ominösem Institut zu tun haben. Und dieser Tag rückt immer näher. Ich weiß noch immer nicht, was ich sagen soll, um sie zu überzeugen, dass das für uns alle der beste Weg ist. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: Es wird verdammt schwer werden. Bei Lucas haben sie nicht nachgegeben, wobei er schon immer der rebellischere von uns beiden gewesen ist.

»Du hast eine große Gabe, Isa, die darfst du nicht verstecken«, sagt Mum mir immer wieder, wenn ich zu protestieren versuche. Und Dad nickt bloß, ohne von seinem Buch aufzusehen. So wie immer eben. Noch habe ich keinen Plan, wie ich dem ganzen Familiengeschäft, das Mum aufgebaut hat, entkommen kann. Aber es ist nicht das, was ich mein Leben lang tun möchte. Ich habe es satt, mich von irgendwelchen reichen Tussis anmotzen zu lassen, nur weil ich ihnen nicht das vorhergesagt habe, was sie sich vorgestellt haben. Ich sage ihnen die Wahrheit, ob es ihnen gefällt oder nicht, aber leider wirkt sich das hin und wieder auf meinen Geldbeutel aus. Und auf das Verhältnis der Kunden zu meiner Mutter, die ihr allesamt vertrauen und immer höchst zufrieden mit ihr und ihren Vorhersagen sind. Nur weil Mum hin und wieder lügt, was die Karten betrifft, kann ich das einfach nicht. Wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, während ich für jemanden in die Zukunft blicke, dann sage ich das auch. Andersherum würde ich es mir auch wünschen, dass man mir die Wahrheit sagt, sollte mir bald etwas Schlimmes zustoßen. So kann ich mich doch besser darauf vorbereiten, oder nicht?

Tja, Mums Kunden sehen das in den meisten Fällen anders.

»Sie erwarten dich um neun, also solltest du jetzt besser los, sonst kommst du noch zu spät. Du weißt, wie wichtig die Pemberleys sind. Rosalie hat uns so vielen anderen weiterempfohlen. Durch sie konnte ich den Kundenstamm fast verdoppeln«, bläut mir meine Mum ein und schiebt mich bereits auf die Haustür zu. Dabei hatte ich noch gar nicht die Gelegenheit gehabt, eine zweite Tasse Kaffee zu trinken. Und das ist unbedingt notwendig, bevor ich irgendetwas tue, was auch nur im entferntesten Sinne mit Wahrsagerei zu tun hat.

»Hast du denn auch deine Karten?«, fragt mich Mum wie immer und wirft mir meine Jacke zu, die ich gerade noch so auffangen kann, bevor sie mir gegen den Kopf schlägt. Nicht ganz ungefährlich, wenn man die Nieten an den Ledernähten bedenkt. Anscheinend hat sich Mum zumindest für heute mit meinem Kleidungsstil abgefunden.

»Sie sind immer in meiner Tasche. Außerdem brauche ich sie doch eigentlich gar nicht«, erinnere ich sie, auch wenn meine Mutter ganz genau weiß, dass meine Gabe, wie sie es nennt, auch ganz ohne Tarotkarten oder Glaskugeln funktioniert. Sie ist einfach da, wie ein Bauchgefühl, dass ich niemals abstellen kann. Und auch heute, als ich das Haus verlasse, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mit jedem Schritt näher auf eine Katastrophe zusteuere. Es ist kein leichtes Gefühl, dass man als Aberglauben abtun kann, kein Unwohlsein, weil ich eigentlich keine Lust habe, in die Zukunft irgendeines verwöhnten Teenager-Mädchens zu blicken, nur um zu sehen, ob sie diesen oder jenen perfekten Ehemann findet.

Nein, dieses Mal ist es ein Gefühl, das meinen ganzen Körper in Beschlag nimmt, jede einzelne Faser umschließt und mir Gänsehaut verursacht, die selbst der krasseste Horrorfilm nicht zustande bringen könnte. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist im Gange, aber leider verrät meine Fähigkeit wie so oft nicht, was dieses Etwas ist. In diesem Punkt bin ich genauso ahnungslos wie unsere Kunden, wenn es um die Zukunft geht.

Super!