LESEPROBE
GEFÄHRTIN DES DÄMONS

KAPITEL 1

 

Der Wald rings um mich herum ist dunkel. Kalte Luft strömt durch das Fenster herein und erfüllt meine alte Schrottkarre mit einem Duftgemisch aus Tannennadeln und dem Regen der letzten Nacht. Vögel sausen an mir vorbei, schneller als mein Auto, und ich wünschte, ich wäre so frei wie sie. Dass ich für immer in dieser Welt aus saftigem Grün und kräftigem Braun verschwinden kann.

     Diese Gegend ist verlassen. Einsam. Als hätte man die alte Straße, die ich seit einigen Stunden befahre, vor vielen Jahren vergessen. Tiefe, langgezogene Schlaglöcher und Risse durch­ziehen die Fahrbahn vor mir. Ein Zeugnis der Macht der hohen Baumriesen, die verschwommen an mir vorbeiziehen. Hier und da ein paar eingewachsene Straßenschilder, auf denen der Lack abgeplatzt ist. Und kein einziges anderes Auto weit und breit. Ich bin allein wie schon mein ganzes Leben. Doch das ist nicht genug. Nicht annähernd genug. Verschwinden müsste ich können, spurlos. Für immer. Und genau das versuche ich seit der letzten Nacht.

     Seit Stunden sitze ich nun schon in meinem Auto auf der Suche nach einem Ort, an dem mich niemand kennt. Einem Ort, an dem niemand weiß, was ich letzte Nacht getan habe. Und ich wünschte, ich könnte es vergessen, diese schrecklichen Erinnerungen für immer aus meinem Gedächtnis tilgen.

     Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn vor mir. Den Mann, den ich getötet habe. Seine weit aufgerissenen Augen, blutige Tränen, die über seine bärtigen Wangen ge­flossen sind. Das Gesicht starr vor Schreck und Schmerz, kein bisschen mehr attraktiv, so wie ich ihn Stunden vor diesem Moment in der Bar kennengelernt habe. Das Gesicht eines Sterbenden, der niemals mit einem solch grausamen Schicksal gerechnet hat.

     Ich auch nicht. Nie hätte ich gedacht, dass ich dazu fähig wäre. All das erscheint mir nun wie ein schrecklicher Alb­traum. Wie etwas, das einfach nicht real sein kann.

     Seit Stunden versuche ich mir einzureden, dass ich mir das alles nur eingebildet habe. Dass es tatsächlich nur ein Traum gewesen ist. Die tiefen Kratzer auf meiner Haut und die halb­mondförmigen Abdrücke seiner Fingernägel an meinen Armen zeugen allerdings vom Gegenteil. Sie heilen bereits, schneller, als ich erwartet habe. Schneller, als es bei einem normalen Menschen möglich sein sollte. Bald werden sie ganz ver­schwunden sein.

     Die Erinnerung an jenen Mann, der sie mir zugefügt hat, bleibt jedoch. Wie ein Geist folgt sie mir durch die Nacht. Sie sitzt neben mir als unsichtbarer Beifahrer und schleicht sich in jeden meiner Gedanken, bis ich beinahe von der Straße ab­komme und in einem tiefen Graben gelandet wäre.

     Ruckartig reiße ich das Lenkrad herum und bin dankbar, dass mir kein Auto entgegenkommt. Ein Unfall hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Wir hätten die Polizei rufen müssen und dann würde es nicht mehr lange dauern, bis sie mir auf die Schliche kämen. Und was hätte ich ihnen dann erzählt? Was wäre aus mir geworden? Sie hätten mich bestimmt erneut eingesperrt, oder?

     Obwohl ich längst wieder sicher auf der richtigen Fahrbahn bin, den Blick geradeaus gerichtet, schlägt mein Herz noch immer viel zu schnell. Meine Hände sind ganz verschwitzt, sodass sie immer wieder am bröckeligen Kunstleder des Lenk­rads abrutschen. Schnell wische ich sie mir an meiner Hose ab und werde wieder von Erinnerungen heimgesucht, die mich würgen lassen. Blutige Fingerspuren auf meinen nackten Oberschenkeln, auf meinen zitternden Händen und dann im weißen Waschbecken meiner Wohnung. Manche Flecken sind wahrscheinlich noch immer dort, genau wie seine Leiche.

     Wie lange es wohl dauern wird, bis jemand ihn findet? Bis sie mich finden?

     Das, was gestern Nacht passiert ist, ist jedoch nicht das, was mir am meisten Angst macht. Was mich wirklich beschäftigt, so sehr, dass mein Herz noch immer in meiner Brust rast, ist die Tatsache, dass ich mich nie lebendiger gefühlt habe.

     Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Energie gehabt als in diesem wunderbaren Moment. In dem Moment, in dem der Fremde mich an Stellen gestreichelt hat, an denen mich sonst noch niemand berührt hat. Nicht einmal ich selbst.

Nackte Haut auf nackter Haut. Das beeindruckende Spiel seiner Muskeln, als er sich auf mich gelegt hat, ganz zärtlich und doch mit einer solchen Leidenschaft, dass ich noch immer erschaudere. Diese Szene hat sich in mein Gedächtnis einge­brannt, lässt mich auch jetzt noch aufseufzen, wohlig und verlangend, obwohl ich weiß, was danach geschehen ist.

     Es hat sich unendlich gut angefühlt, wie er meinen Körper erkundet hat. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Erst mit seinen Fingern, dann mit seiner Zunge und schließlich mit seiner harten Männlichkeit. Aber so richtig deutlich habe ich es erst gespürt, als sich unsere Körper vereinigt haben. Mit jedem kraftvollen Stoß ist das Gefühl stärker geworden, und mit ihm mein Drang, die Kontrolle zu übernehmen, obwohl ich in diesen Dingen bisher keine Erfahrung hatte.

     Mit einem kehligen Laut habe ich ihn von mir geschoben, nur um im nächsten Moment wieder auf ihn zu klettern. Um unser Spiel fortzusetzen, unsere Finger fest miteinander ver­schränkt, ertrinkend im Blick des jeweils anderen.

     Bis er schließlich unter mir erstarrt ist.

     Bis er panisch nach Luft geschnappt hat, ohne jemals wieder zu Atem zu kommen. Wie er mit der Macht gerungen hat, die plötzlich von ihm Besitz ergriffen und ihm sämtliche Lebens­geister ausgesaugt hat. Eine Macht, die ich noch immer tief in meinem Inneren spüre, ein brennendes Verlangen in meinem Schoß. Und jetzt da sie einmal erwacht ist, dürstet es sie nach mehr. So sehr, dass es fast schon wehtut.

     Ich beiße mir auf die Lippen und versuche, sämtliche Ge­danken von mir zu schieben und mich allein auf die marode Straße zu konzentrieren.

     Es gelingt mir nicht. Meine Erinnerungen drängen sich mir weiter auf und so durchlebe ich erneut, was nach diesem energiegeladenen Moment der Ekstase geschehen ist.

     Als es schließlich vorbei gewesen ist, ich dieses feurig wilde Verlangen gestillt habe, zumindest für eine Weile, ist mir erst bewusst geworden, was ich getan habe. Zu was ich fähig bin.

     Die Nonnen im Kinderheim, in dem ich aufgewachsen bin, haben recht gehabt: Sex ist böse. Körperliche Liebe bringt uns nur Leid.

     Dass der Preis von Nähe für mich so hoch sein würde, hätte ich allerdings nie für möglich gehalten. Nicht, nachdem ich gerade erst in meinem neuen Leben, meiner neuen Wohnung zur Ruhe gekommen bin und meinen Platz in der weiten Welt gefunden habe. Einen Platz, den ich mit meiner Tat gestern Nacht habe aufgeben müssen.

     Für immer.

     Und alles nur, weil ich so neugierig war. Weil ich endlich wissen wollte, wie es sich anfühlt, jetzt da ich keine Strafe von den Nonnen mehr zu befürchten habe. Zum ersten Mal, seit ich denken kann, habe ich mich frei gefühlt, als könne ich endlich selbst bestimmen, was ich tun möchte.

     Aber das Schicksal, oder Gott, oder wer auch immer über uns wacht, hatte andere Pläne.

     Seitdem rase ich wie eine Verrückte durch die Wälder fernab meiner Heimatstadt, auf der Flucht vor dem, was gestern in meinem Inneren erwacht ist, was überhaupt erst zu dieser katastrophalen Situation geführt hat. Etwas in mir ist nicht richtig. Es ist böse und vielleicht haben die Nonnen das immer schon geahnt. Vielleicht haben sie uns Kindern deshalb all diese Verbote gemacht, um die Welt vor Leuten wie mir zu schützen. Was auch immer es ist, ein Dämon, ein böser Geist oder Hexerei. Es verdient nicht länger, glücklich zu sein. Und ich tue es auch nicht.

     Ich habe zwar keine Ahnung, wohin ich gehen soll, aber bleiben konnte ich auch nicht. Meine Gedanken überschlagen sich, je mehr Zeit verstreicht. Sie nagen beharrlich an meiner Konzentration … und an meinem Überlebenswillen.

     Habe ich überreagiert? Hätte ich bleiben sollen?

     Wie viel Zeit bleibt mir noch, bis man seine Leiche entdeckt?

     Soll ich zurückfahren? Oder gleich hier irgendjemandem Bescheid sagen? Der Polizei vielleicht? Oder hätte ich einen Krankenwagen rufen sollen?

     Vermutlich schon.

     Aber was hätte ich denen dann gesagt?

     »Hilfe, ich glaube, ich bin besessen. Ich habe bei meinem ersten Mal einen Mann umgebracht und es hat sich irgendwie gut angefühlt?«

     Nein! Energisch schüttle ich den Kopf und zwinge mich dazu, diesen Gedanken wieder beiseitezuschieben. Würde ich jemandem davon erzählen, dann würden sie mich wieder einsperren, mir meine Freiheit nehmen, wie auch schon meine ganze Kindheit und Jugend lang. Das kann ich nicht zulassen, und dennoch hat die Tat gestern Nacht ein neues Gefängnis für mich errichtet. Eines, dessen Mauern ich nicht sehen kann, aber immer auf der Hut sein muss. Es ist eine andere Art von Gefangenschaft, der ich auch in hundert Jahren nicht ent­kommen könnte, würde ich denn so lange leben.

     Tränen brennen in meinen Augen, doch blinzele ich sie weg und versuche, tief durchzuatmen. Die Fassung zu behalten. Heulen kann ich auch noch, wenn ich ein paar hundert Meilen mehr zwischen mich und den Tatort gebracht habe. Was bleibt mir auch anderes übrig, nachdem ich nun schon so lange unterwegs bin? Nachdem ich einfach so, und ohne nachzu­denken, mein gesamtes Leben weggeworfen habe?

     Ich konzentriere mich einzig auf die düstere Umgebung vor mir und verbiete mir jegliche andere Gedanken. Nebel zieht langsam auf, wird immer dichter, bis es mir schwerfällt, die Fahrbahn vor mir überhaupt noch zu erkennen. Auch wenn ich es gar nicht abwarten kann, fortzukommen, muss ich trotzdem abbremsen, um nicht doch noch im Straßengraben zwischen dichten Büschen und umgefallenen Bäumen zu landen.

     Oder sollte ich doch lieber das Gaspedal durchdrücken? Mein Leben, oder was noch davon übrig ist, gleich hier und jetzt beenden, bevor es zu spät ist? Bevor ich noch jemandem wehtun kann, wenn diese fremde Macht in mir wieder die Kontrolle über mich übernimmt. Wenn ich das Verlangen in mir nicht länger in Schach halten kann, mich in den heißen Flammen der Begierde vergesse.

     Wer würde mich schon vermissen?

     Eine Familie hatte ich nie. Freunde auch nicht wirklich, oder nicht für lange. Wenn man in einem Heim aufgewachsen ist, noch dazu in einem so lieblosen wie das, in dem ich den Großteil meines bisherigen Lebens verbracht habe, lässt man andere Leute nicht so leicht an sich heran. Auch andere Kinder nicht. Wir alle hatten genug mit unseren eigenen Problemen zu kämpfen. Mit dem Gefühl, verlassen worden zu sein, etwas falsch gemacht zu haben, dass man uns deswegen an diesen tristen Ort hat schicken müssen. Ungeliebt und vergessen.

     Nein, fehlen würde ich niemandem. Und in der Hölle würde ich so oder so landen, nach allem, was in der Nacht passiert ist.

     Schwester Agathe hatte also recht, als sie mich früher für meine Vergehen bestraft hat. Für das bisschen Rebellion gegen ihre Verbote und Regeln, für das ich hin und wieder den nötigen Mut zusammengekratzt habe. Wahrscheinlich würde sie sich freuen, sollte sie jemand über meinen Tod informieren, und dafür beten, dass ich auf alle Ewigkeit im Höllenfeuer schmoren muss, weil ich ein so ungezogenes Gör war.

     Also, warum sollte ich es nicht einfach tun?

     Ich schlucke und blicke auf den Tacho. Langsam wandert die Nadel nach rechts, während ich beschleunige, doch kommt sie nicht über die achtzig hinaus. Hundert hätte meine Schrottlaube vielleicht noch geschafft. Dann hätte es nur einen Baum oder auch einen Felsen gebraucht und es wäre vorbei gewesen. Aber bevor ich die richtige Geschwindigkeit erreiche, taucht urplötzlich etwas vor mir aus dem Nebel auf: ein riesiges Wesen, fast wie ein Pferd oder wohl eher ein Hirsch, schließlich habe ich in diesem schier endlosen Wald keine Farm oder gar einen Reiterhof gesehen.

     Ohne nachzudenken, bremse ich hart ab, weil ich nicht noch ein Leben nehmen will, bevor ich diese Welt verlasse. Das Tier wächst mit jeder Sekunde, die ich ihm näherkomme, aber ein Hirsch ist es nicht. Angestrahlt vom Licht der Scheinwerfer wandelt sich der gigantische Schatten vor meinen Augen in einen riesenhaften, schwarzen Wolf. Größer noch, als ich es für möglich gehalten hätte. Mit Augen, die in der Dunkelheit leuchten und Pranken, die im wabernden Nebel verschwinden.

     Ich gebe mein Bestes, die Geschwindigkeit so schnell wie möglich zu drosseln, doch macht das Biest plötzlich einen Satz auf mein Auto zu. Erschrocken versuche ich dem gewaltigen Wolf auszuweichen, dabei kommt jedoch mein Wagen ins Schlingern und rutscht von der Fahrbahn ab hinunter in einen dicht bewachsenen Straßengraben.

     Schreiend kralle ich mich am Lenkrad fest. Der Gurt drückt sich schmerzhaft in meinen Hals, bis ich kurz glaube, ersticken zu müssen. Mit einem lauten Pffft öffnet sich der Airbag, kaum dass das Auto zum Stehen kommt. Oder eher zum Liegen, denn es ist bei dem Beinahezusammensturz zur Seite gekippt. Die Beifahrertür ist verbeult, das Fenster von einem Ast durch­bohrt, der fast auch mich erreicht hätte.

     Ein paar Minuten sitze ich dort, starre ungläubig auf den Airbag, der sich beim Sturz geöffnet hat, auf die zersplitterte Windschutzscheibe und meine Hände, die sich noch immer krampfhaft am Lenkrad festhalten. Mein Herz rast so schnell wie noch nie, während ich noch zu begreifen versuche, was gerade passiert ist. Dass ich tatsächlich noch am Leben bin, nach allem, was ich getan habe.

     »Was zur Hölle war das denn?«, murmele ich und schüttle benommen den Kopf.

     So einen gigantischen Wolf habe ich noch nie gesehen, kann mir gar nicht vorstellen, dass es solche Tiere in dieser Gegend überhaupt gibt. Aber irgendetwas muss dort draußen gewesen sein, sonst wäre ich doch nicht im Straßengraben gelandet. Allein, in einem völlig zerstörten Auto. Ohne die Möglichkeit, Hilfe zu holen. Denn mein Handy habe ich in meiner Wohnung zurückgelassen, zusammen mit den meisten anderen Sachen, die ich mir in den letzten zwei Jahren mühevoll zusammen­gespart habe. Nur eine kleine Reisetasche voller Klamotten habe ich mitgenommen und alles an Bargeld, das ich auf die Schnelle gefunden habe. Dann bin ich einfach losgefahren, um vor der Leiche in meinem Bett zu fliehen. Und, wenn ich ehrlich bin, vor allem vor mir selbst.

     All das Geld der Welt hilft mir jetzt nicht weiter. Ich bin mitten in einem dunklen Wald gestrandet. Keine Ahnung, ob hier irgendwer in der Nähe wohnt, der mir helfen könnte. Häuser oder Ortsschilder habe ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gesehen. Aber was bleibt mir anderes übrig, als Hilfe zu suchen, egal wo, egal wer? In meinem Auto will ich nicht bleiben, weil es alles repräsentiert, was ich zurück­gelassen habe.

     Ich greife nach meiner Tasche auf dem Rücksitz und stemme mich gegen die verbeulte Autotür, um endlich aus diesem Wrack herauszukommen. Jetzt ist es wirklich reif für den Schrottplatz, vor dem ich es kurz nach meinem Auszug aus dem Kinderheim gerettet habe. Es kommt mir vor, als wären seitdem zwanzig furchtbare Jahre vergangen und nicht bloß zwei. So viel habe ich in dieser Zeit erlebt, neue Erfahrungen gemacht und die Neugier, die jahrelang unterdrückt gewesen ist, endlich ausgelebt.

     Und wieder hatte Schwester Agathe recht: Neugier ist der Katze Tod.

     Nun … noch nicht ganz, aber wenn es so weitergeht, werde ich hier vermutlich verdursten und verhungern. Oder bei der Eiseskälte erfrieren. Das scheint mir eine angemessene Strafe zu sein für das, was ich getan habe.

     Während sich erneut die Erinnerungen an die Leiche in mir einnisten wollen, schultere ich die Tasche und klettere den Hang hinauf zur Straße. Statt mit dem Wagen mache ich mich nun zu Fuß auf den Weg, auch wenn ich mein Ziel noch immer nicht kenne. Ich habe keinen blassen Schimmer, wohin ich gehen soll, ob ich überhaupt weitergehen soll.

     Noch nie in meinem Leben habe ich mich so verloren gefühlt, so böse, wie eine der unanständigen Frauen, aus den Geschichten der Nonnen des Kinderheims. Alles, was sie uns über Sex und solche unzüchtigen Gedanken erzählt haben, scheint sich bewahrheitet zu haben. Es hat nur für Unheil gesorgt, dafür, dass ich nun durch die Dunkelheit stapfe, ohne zu wissen, was ich jetzt tun soll. Ich wünschte, diese Unge­wissheit, diese Angst vor der Zukunft, könnte mich von dem Verlangen ablenken, das ich in meinem Schoß spüre. Von Minute zu Minute wird es stärker, sodass ich kaum an etwas anderes denken kann.

     Seufzend streiche ich über meine Arme, spüre wieder ein Echo seiner Berührung. Raue Hände auf zarter Haut. Und seine Lippen … Gott, wie sehr ich mich danach verzehre, wieder so berührt zu werden! Ich wünschte, ich könnte diese Sehnsucht stillen, genauso wie ich es gestern Nacht getan habe, doch ohne, dass dabei jemand zu Schaden kommt. Oder ich noch einmal mit ansehen muss, wie innerhalb von Sekunden sämtliches Leben aus dem Körper meines Partners weicht.

 

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, die ich durch die Dunkel­heit stapfe, riesige Baumstämme links und rechts von mir, umhüllt mit dichtem, dornigem Gebüsch. Hier fühle ich mich so klein und unbedeutend, als wäre ich in einer anderen Welt gelandet, in der ich nochmal ganz neu anfangen kann. Ein schöner Gedanke und doch entspricht er nicht der Wahrheit. Der Mond ist immer noch derselbe. Er und die Sterne am Nachthimmel über mir sind meine einzige Lichtquelle; eine Taschenlampe habe ich nicht.

     Straßenlaternen? Fehlanzeige.

     Aber so langsam gewöhne ich mich an das spärliche Licht und erkenne bald schon eine alte verwitterte Steinmauer ein paar Meter von der linken Straßenseite entfernt. Dunkelrot schimmern ihre Backsteine zwischen dichtem Efeu hindurch. Also wohnt vielleicht doch jemand hier draußen in dieser gott­verlassenen Wildnis?

     In der Hoffnung, dort irgendeinen Unterschlupf zu finden, in dem ich mich ausruhen und überlegen kann, was ich nun tun soll, verlasse ich die Straße. Ich stolpere durch den breiten Streifen Wald, stoße mir den Fuß an einer Wurzel und falle der Länge nach hin. Schmerzhaft graben sich kleine Steine und Tannennadeln in meine Haut. Scham macht sich in mir breit, bis mir wieder einfällt, dass niemand mich gesehen hat. Dafür ist dieser Ort zu verlassen, zu dunkel.

     Langsam rappele ich mich auf und streiche mir den Dreck von der Jeans. Blätter und kleine Äste hängen mir in den dunklen Haaren, doch schiebe ich sie mir nur hinter die Ohren und halte weiter auf die Mauer zu. Als ich sie erreiche, schließe ich kurz die Augen und kneife mich, vergewissere mich, dass ich mir das nicht nur einbilde.

     Als ich meine Lider wieder öffne, ist sie noch immer da, und so beschließe ich, ihr zu folgen. Irgendwo muss es ja ein Tor geben, durch das ich einen Blick auf das Gelände dahinter werfen kann. Die Mauer ist zu hoch, oder ich wohl eher zu klein, um darüber schauen zu können.

     Meine linke Hand lasse ich vorsichtig über die verwitterten Steine gleiten. Weiches Moos kitzelt meine Fingerspitzen, die sich hin und wieder in leise raschelnden Efeuranken verlieren. Immer wieder trete ich auf einen trockenen Ast, muss meine Beine aus dichtem Dornengestrüpp befreien oder stolpere über Wurzeln und Steine, die ich in der nächtlichen Dunkelheit kaum ausmachen kann. Meine Schritte hören sich auf dem mit trockenem Laub bedeckten Waldboden unglaublich laut an. Sie sind das einzige Geräusch weit und breit. Kein Vogel ist zu hören, nicht einmal das Rascheln von Mäusen und anderem Getier auf dem Waldboden. Nur ein Sirren in meinen Ohren wird langsam immer lauter.

     Habe ich mir bei meinem Unfall etwa den Kopf gestoßen? Vorsichtig taste ich mit der freien Hand meinen Kopf nach Verletzungen ab, merke aber nichts. Kein Blut an meinen Fingern, nicht einmal eine Beule.

     Ein Gedanke lässt mich mitten auf dem Weg innehalten und zur Salzsäule erstarren. Hat dieses merkwürdige Geräusch möglicherweise etwas mit den Kräften zu tun, die ich gestern so urplötzlich entwickelt habe? Mit dem Verlangen in mir, das ich einfach nicht länger ignorieren kann?

     Fahrig reibe ich mir über die Arme und zwinge mich dazu, dennoch weiterzulaufen. Ich kann mich später immer noch ausruhen und mich mit diesen rätselhaften neuen Kräften be­schäftigen. Jetzt muss ich erstmal herausfinden, was sich auf der anderen Seite der hohen Steinmauer befindet. Wahr­scheinlich ein verlassenes Gehöft oder so. Hier draußen lebt ganz sicher niemand mehr, dafür ist es viel zu weit von anderen Orten weg.

     Ich folge der Mauer nun schon seit einer ganzen Weile, mindestens seit einer Stunde. Langsam macht sich lähmende Erschöpfung in mir breit und ich bin drauf und dran, einfach aufzugeben. Mich hier und jetzt auf den laubbedeckten Wald­boden zu legen und zusammenzurollen, ohne jemals wieder aufzustehen.

     Das ändert sich aber schlagartig, als ich ein paar Schritte weiter die Umrisse eines schmiedeeisernen Tors erkenne. Dichte Nebelschwaden wabern durch dessen dunkle, ver­schlungene Gitterstäbe. Das Tor steht einen Spalt breit offen, als hätte man mich dort längst erwartet, als wäre es ganz natürlich, dass eine Fremde mitten in der Nacht dieses Grundstück tief im Wald betritt. Eine Straße ist hier nirgends zu sehen, nicht einmal ein Trampelpfad, der in Richtung Zivilisation führt.

     Bitte, bitte, bitte lass es unbewohnt sein, flehe ich innerlich. Vielleicht findet sich dort eine kleine Hütte, die verlassene Bleibe eines Jägers oder eines Holzarbeiters. Irgendein Unter­schlupf, in dem ich mich hinlegen und eine Weile lang ausruhen kann, nachdem ich die letzten vierundzwanzig Stunden über kein Auge zu gemacht habe. Etwas Essen und frisches Trinkwasser wären natürlich auch nicht schlecht. Das Hungergefühl, das ich seit der letzten Nacht verspüre, wird nämlich immer stärker. Eine Weile kann ich es noch aushalten, solange ich mich nur endlich hinlegen kann.

     Voller Erwartung trete ich durch das Eisentor und finde mich auf einer langgezogenen Kieseinfahrt wieder. Bunte Steinchen knirschen unter meinen alten, völlig verdreckten Sneakern, als ich noch ein paar Schritte gehe. Dann bleibe ich stehen und starre völlig verwundert auf den Boden. Die Kiesel kommen mir hier vollkommen fehl am Platz vor. Eben hatte ich schließlich noch Laub und Moos unter meinen Füßen und jetzt das …

     Verwirrt drehe ich mich zum Tor um und versuche erneut eine Einfahrt dahinter zu erkennen. Einen Weg, der durch den Wald zur Straße führt, über die ich erst in dieser verlassenen Gegend gelandet bin.

     Nichts. Nur Bäume und Gebüsch, wohin das Auge sieht. Im Moment ist das jedoch nicht sehr weit, so dunkel und nebelig wie es ist. Ich muss mich einfach ausruhen und bis zum nächsten Tag durchhalten. Dann kann ich im hellen Sonnen­schein nach einem Weg zurück suchen. Und nach einer Lösung für meine überstürzte Flucht.

     Kopfschüttelnd drehe ich mich wieder der anderen Richtung zu und sauge überrascht die Luft ein. Die Kiesstraße führt schnurgerade zu einer riesigen Villa. Massige Eichen säumen den Weg und müssen schon vor Jahrzehnten, ja wo­möglich schon vor Jahrhunderten dort gepflanzt worden sein. Das Anwesen, oder das, was ich von so weit weg ausmachen kann, ist nicht etwa ein schönes, prunkvolles, so wie ich sie aus Hochglanzmagazinen oder dem Fernsehen kenne. Nein, dieses hier ist düster, halb verfallen, ganz sicher unbewohnt. Im Mondlicht blitzen mehrere eingeschlagene Fensterscheiben auf und ein Teil des Dachs ist eingefallen. Das Loch in den schwarzen Schindeln sieht fast aus wie der Krater aus einem Meteoriteneinschlag.

     Auf den ersten Blick wirkt alles hier wie die Spukvilla aus einem Horrorfilm, den wir uns einmal heimlich im Heim angesehen haben. Jeder andere hätte vermutlich sofort kehrt­gemacht und wäre zur Straße zurückgegangen, aber für mich ist dieser Ort perfekt. Erleichtert atme ich auf. Wenigstens jetzt lässt mich das Schicksal nicht im Stich. Hier wird niemand nach mir suchen und ich kann in Ruhe überlegen, was ich nun tun soll.

     Obwohl das Haus verlassen aussieht, komme ich mir hier draußen auf dem Kiesweg ein bisschen beobachtet vor. Als lauerten in den Schatten rings um die hohen Bäume am Wegrand fremde Augenpaare. Schnell steuere ich auf die alte Villa zu. Hunderte Fragen schießen mir durch den Kopf und lenken mich glücklicherweise ein bisschen von den Gescheh­nissen ab, die mich erst hierhergeführt haben.

     Wer dieses einst so prächtige Haus wohl gebaut hat? Und warum sieht es so aus, als hätte es einen Krieg durchgemacht? Oder war das doch eher die Natur, nachdem die Besitzer es einfach so verlassen haben? Aber warum würden sie das tun?

     Hätte ich ein solches Haus besessen … Ich hätte es gehegt und gepflegt, mit Leben und Lachen gefüllt. Und mit Liebe, ganz viel Liebe, von der ich in meinem bisherigen Leben recht wenig erfahren habe. Fast tut es mir leid, die Villa so zerstört zu sehen. Ob ich länger bleiben könnte? Ein halbwegs dichtes Dach über dem Kopf hätte ich immerhin, der Rest würde sich auch noch finden. Hoffe ich zumindest.

     Mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen, erreiche ich den kreisrunden Platz vor der Eingangstür. In seiner Mitte hat wohl mal ein Brunnen gestanden, zumindest sieht das zerfallene Becken davor so aus, als hätte es einst Wasser gehalten. Jetzt ist es voller Löcher und Risse, fast vollkommen von Ranken und Moos überwuchert.

     Erst als ich die Stufen hinauf zur Eingangstür erreiche, fällt mir auf, dass hinter einem der Fenster tatsächlich Licht brennt. Erschrocken taumele ich einen Schritt zurück, wobei mein Blick sofort auf ein auf Hochglanz poliertes Metallschild neben dem Hauseingang fällt. Es ist das einzige, weit und breit, was neu oder zumindest gepflegt wirkt.

     Grey’s Halfway House, ist darauf eingraviert.

     Ein Gasthaus also, und offenbar doch nicht so verlassen, wie ich es mir erhofft habe. Die Pension wirkt zwar nicht gerade einladend, eher gruselig und heruntergekommen, aber besser als die Rückbank meines kaputten Wagens oder der dunkle Wald. Dort läuft schließlich noch immer diese wolfsähnliche Kreatur frei herum, wegen der ich erst im Straßengraben und dann hier gelandet bin.

     Ich atme tief durch, schlucke meine Angst und all meine Bedenken herunter. Mit klopfendem Herzen steige ich die restlichen Stufen zur großen, hölzernen Eingangstür hinauf. Früher einmal müssen ihre Schnitzereien, stilisierte Blüten und Ranken, mit Blattgold veredelt gewesen sein. Hier und da schimmert noch etwas davon durch, aber ansonsten wirkt auch das ziemlich marode. Ich brauche die Klinke nicht herunter­zudrücken, brauche nicht zu klopfen oder zu klingeln. Die Tür springt wie von selbst auf, als hätte man auch hier meine Ankunft bereits erwartet.

     Als ich das weitläufige Foyer betrete, bin ich jedoch voll­kommen allein.

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